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Kompromisse

Mein Kinderwunsch gesellte sich zu mir an meinem 30. Geburtstag. Wie passend.  Ich hatte die Leute immer belächelt, die mit 27 voller Panik taten als wäre das Leben ab 30 vorbei. Ich fand mein Alter super und kam mir mit Zweitstudium und Neu-Ehrenfelder Altbau-WG ausgesprochen hipp vor. So stand ich nichtsahnend mit einem Sektchen auf dem Balkon, als die Wahrheit wie der Blitz einschlug: „Ich bin 30. Ich will ein Kind.“ Okay. Ich ging vom Sekt zum Schnaps über, während sich die WG mit Gästen füllte.

Ich war damals in einer Beziehung. Meine Freundin hatte eine Tochter, sie war gerade acht Jahre alt geworden. Die Eltern und Patchworker*innen unter euch werden es kennen, dieses bunte Leben zwischen „Kann nicht schlafen“ und Familienfrühstück, heiß ersehnten und lang geplanten Paarzeiten, Spielplatz-Picknicken und Nordseeurlaub, Ballettvorführung, Geburtstagskuchen, Heulattacken, geänderten Plänen, gar keinen Plänen und überhaupt. 

Und ja, es war einen großen Teil der Zeit nicht einfach. Frisch geoutet in eine Patchwork-Familie hineinzustolpern kann überfordern. Muss es vielleicht auch. Und zu diesem Durcheinander kam jetzt mein Wunsch, Mutter zu sein. Und zwar doppelt – ein Kind war schon da – ich wollte noch eins. Um es kurz zu machen: Die Beziehung hat es nicht überlebt. 

Kinderwunsch-Outing beim zweiten Date

Meine Welt brach damals zusammen. Trotz allem fand sich Stück für Stück in den Scherben ein neues Leben – und eine neue Liebe. Doch ich war ein gebranntes Kind. Und so war es unser zweites Date, an dem ich dieser Frau, die ich so gut fand und noch kaum kannte, an den Kopf warf: „Übrigens, ich will ein Kind.“ Sie schaute mich entsetzt an und sagte: „Ich werd’ aber nicht schwanger, das musst du dann machen!“

Deal. Es ging also weiter mit uns – und das auch ziemlich schön. Wir waren verliebt und irgendwann verlobt. Ich hatte das Gefühl, angekommen zu sein. Im Märchen könnte jetzt klassisch der Satz folgen: Und sie lebten glücklich und zufrieden bis an ihr Lebensende. 

Die "biologische Uhr" tickt

Und das täten wir bestimmt auch, wenn nicht die 35 in meinem Leben den Kinderwunsch zurück gebracht hätte. Bis dato hatte ich das Ticken meiner biologischen Uhr geflissentlich überhört, jetzt rumorte sie dafür umso lauter. Mein Plan für 2021: Schwanger werden. Ich reaktivierte mein Familyship-Profil und pflegte akribisch meine Zyklus-App. Meine Frau bekam Schnappatmung. „Jetzt schon?“ fragte sie. „Wir kennen uns doch noch gar nicht so lange. Und es ist Corona. Und irgendwie weiß ich auch gerade nicht ob mir das mit Kind nicht alles viel zu viel wird.“ Ich schaute sie fassungslos an, ich mein, das hatten wir doch geklärt? Sie schüttelte den Kopf: „Also bitte – wir waren frisch verliebt und, dass du das wirklich ernst meinst war mir echt nicht klar. Wie man halt als Frau ohne Kinderwunsch im Hormonstrudel über Familienplanung nachdenkt, nämlich gar nicht.“ 

Verdammt! Ich mein, klar braucht eine Beziehung Kompromisse, das ist auch bei uns nicht anders. Aber wenn man im Leben zwischen Gemüsekiste und Fertiglasagne, Großstadt und Dörfchen, Abenteuerurlaub und All-inclusive immer noch Alternativen findet, so gibt’s beim Thema Nachwuchs nur entweder – oder. Ein bisschen Kind ist nicht.  

Und das ist fatal. Eine Beziehung hatte ich schon verloren wegen des Kinderwunschs, jetzt bröckelte die zweite vor meinen Augen. Ich wollte ihn amputieren, diesen Kinderwunsch, herausschneiden, für immer loswerden. Nie mehr denken, nie mehr fühlen. Und dennoch blieb er. Meine Freundin schaute mit mir Familyship-Profile, datete Männer, informierte sich über Samenbanken und kaufte Tiefkühlsperma. Und immer noch wollte sie kein Kind.

Mach was dich glücklich macht

Und so ist das bis heute. Wir haben geflucht, geheult und diskutiert. Wir sind in einer Kinderwunschgruppe und lassen uns beraten. Wir diskutieren mit Freund*innen, Therapeut*innen und Coachs, miteinander und ohne die andere. Wir fragen unsere Schwestern um Rat, die beide sagen: Mach was dich glücklich macht. Ja verdammt. 

Mich macht meine Frau glücklich. Und ich hab nen Kinderwunsch. 

Meine Frau sagt: Ich will ohne dich nicht leben. Und dich gibt’s nur mit Kind.

So ist das also. Es ist anstrengend und oft ist es nervenaufreibend. Gleichzeitig ist es noch was: Unfassbar verbindend. Ich glaube nicht, dass man sich intensiver und tiefer kennen lernt, als wenn man aufs allerehrlichste seine Herzenswünsche diskutiert. Wie unser Leben in Zukunft aussehen wird, wissen wir nicht. Sowieso nicht. Ich sitze hier und habe Tränen in den Augen, weil ich nicht weiß ob mein Herzenswunsch meine große Liebe zerstören wird. Und doch kann ich nicht anders. Eine Trennung jetzt, an dieser Stelle, wäre rein prophylaktisch. Sie wäre aufgeben bevor wir überhaupt gescheitert sind. 

Und so denke ich an diesen Tagen häufig an ein Zitat, was mich in dem Spagat zwischen dem Unvereinbaren aufrecht hält: „But what if I fall? Oh my darling – what  if you fly?“

Es ist noch immer alles möglich.  

geschrieben von Julie


Dieser Blogpost ist eine Fortsetzung von Wie egoistisch ist das denn bitte? und Jetzt erst recht

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