Die da

Unseren Sommerurlaub verbrachten wir dieses Jahr zum ersten mal auf Korsika im sehr rentner- und mäßig familienfreundlichen Hotel "Maristella". Als Familie mit Kleinkind waren wir eh schon eine Minderheit. Als Regenbogenfamilie eine ganz besonders besondere.

Zwischen all den Rentnern und Best-Agern schaffte es Herr O. tatsächlich, Kontakt zu Gleichaltrigen zu schließen. Parallel zu uns hielten sich grade mal sechs weitere Kinder in der Hotelanlage auf, davon ein Baby. HL (Name gekürzt ;-) war die Dame seiner Wahl. 6-jährig und sehr eloquent. Ihre Eltern waren ähnlich begeistert vom „familienfreundlichen“ Hotel wie wir, und so kam man dann schnell ein bisschen Smalltalk-mäßig ins Gespräch. HL zeigte Herrn O. verschiedene Schaukeltechniken und animierte ihn zum Fußballspielen.

Am dritten Tag erklärte sie Frau O., dass Herr O. seiner Mutter (= mir, so ihre Annahme) total ähnlich sehe. Wir ließen das unkommentiert.

Am Abreisetag (wir flogen mit derselben Maschine zurück nach Köln) fragte sie mich kurz vor dem Boarding, wie alt ich sei. Nachdem ich mein Alter preisgegeben hatte, wollte sie wissen, wie alt denn „die da“ sei, und zeigte auf Frau O. Ob sie seine Mami meine, fragte ich. „Ne, die da, die Tante oder was die ist.“

„Das ist seine Mami“, sagte ich daraufhin. Die Verwirrung war HL deutlich anzusehen. Ich sagte ihr dann, dass Junior eine Mama und eine Mami hat. „Das geht doch nicht“, war ihre spontane Reaktion und „doch, das geht“, meine.

Ich war zum ersten Mal in dieser Situation. Bisher hatte ich immer nur mit Erwachsenen über das Thema geredet. Da in unserem Umfeld alle Menschen durchschnittlich aufgeklärt und offen sind (oder wenigstens so tun), hatte ich auch noch nicht die wundervolle Aufgabe, jemandem zu erklären, dass es tatsächlich Kinder gibt, die zwei Mütter haben. Und wenn Fragen in diese Richtung kamen, dann verliefen die Gespräche völlig anders. Irgendwie mehr so pädagogisch-politisch-genderorientiert.


Aber was gab’s da schon groß zu erklären? Die Tatsachen standen ja vor dem Mädchen. Sie hatte uns nur bisher mit ihrem „Mama-Papa-Kind“-Filter wahrgenommen und war auf einmal völlig verwirrt, dass es auch anders sein konnte. Ich glaube, die Tatsache, dass da zwei Frauen einen kleinen Jungen großziehen und sich ganz selbstverständlich als Familie geben, war in HL's Familie nicht thematisiert worden. Wundert mich auch nicht groß. Die kleine Dame schien ja prächtig mit uns klar zu kommen und alles ganz normal zu finden. Jetzt würden wir wahrscheinlich doch noch Thema ;-)


Leider ging dann auch schon das Boarding los und unsere Unterhaltung brach dadurch abrupt ab. Ob und was das Mädchen zu ihren Eltern gesagt hat, haben wir nicht mitbekommen. Schade.

Ich hoffe natürlich, dass noch spannende Gespräche zwischen den Eltern und der kleinen Tochter entstanden sind und dass wir jetzt eine aufgeklärte kleine Erdenbürgerin mehr haben.


Dieser Blogbeitrag wurde am 10. Juli 2015 im Blog von claribu veröffentlicht. Wer mehr von claribu  lesen möchte, ist herzlich eingeladen dies auf  claer-web.blogspot.de zu tun.


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