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Ein Becher voller Hoffnung

Kranhaeuser; (c)regenbogenfamilien-koeln.de

Nach langer Suche haben meine Freundin und ich endlich einen für uns passenden Samenspender gefunden. Da er in der Nachbarstadt wohnt und wir für ihn den Aufwand möglichst klein halten wollen, vereinbaren wir die anstehenden Inseminationen bei ihm in der Stadt zu machen. Hierfür mieten wir ein Zimmer in einem Hotel in Bahnhofsnähe an. Ich bin aufgeregt und nervös vor der ersten Insemination. Das erste Mal in meinem Leben werde ich mit Samenflüssigkeit in Kontakt kommen. Ja, ich bin eine von den Lesben, die vorher nie was mit einem Mann hatte. Und nun soll und muss dieser Samen in mich hinein. Kreisch. 

Wir treffen uns in der Hotelbar. Wir halten Small Talk über Dies und Das. Mein Herz hämmert. Das ist der Mann, dessen Samen gleich in mir sein wird. Das ist der Mann, der der Vater unseres Kindes werden soll. Gedankenfetzen, die in mir herum wirbeln, ohne dass ich sie weiter verfolgen kann. Dimensionen und Auswirkungen, die zu weitläufig sind, als dass ich sie in Ruhe fühlen und betrachten könnte. 

Meine Freundin geht mit ihm hoch auf unser gebuchtes Zimmer. Dort steht schon der mitgebrachte Becher - der Deckel einer Thermosflasche - im heißen Wasser des Waschbeckens. Sie lässt ihn allein dort oben. Wir sitzen unten in der Bar, zu nervös um zu reden, blättern wir in einer Zeitschrift, ein hilfloser Versuch uns abzulenken, um nicht daran zu denken, was gerade oben ihn unserem Hotelzimmer passiert.

Überraschend schnell ist er wieder bei uns. Wir wechseln nervös noch ein paar Sätze und verabschieden uns dann schnell von ihm. Wir wollen keinen Zeit verlieren und beeilen uns, um zügig  auf unser Zimmer zu kommen. Meine Freundin kümmert sich darum, das Sperma in die Spritze zu bekommen, während ich mich „frei mache“ und mein Becken auf ein dickes Kissen platziere. Ein wenig fühle ich mich wie bei der Frauenärztin. Von Romantik keine Spur. Ich stelle fest, dass wir die Vaseline vergessen haben und krampfe zusammen beim Anblick der Spritze. „Das ganze Zimmer riecht nach Sperma.“, sagt meine Freundin. Ich weiß nicht, was sie damit meint, weil ich nicht weiß, wie Sperma riecht. 

Wir sind irritiert angesichts des Schaums, der sich in der Spritze gebildet hat. Später erfahren wir, dass wir das Sperma nicht hätten aufziehen, sondern den Kolben abziehen und es löffeln sollen. Eine Information, die ich wußte, die ich aber in der Aufregung komplett vergessen habe. 

Nach der Insemination liege ich für eine Stunde mit Becken und Beinen hoch an der Wand.  Mir ist bald langweilig, aber da muss ich durch. Es fühlt sich eigenartig an. Als wäre ein Fremdkörper in mir.  Ist es ja irgendwie auch. 

Am nächsten Morgen kommt unser Spender noch einmal ins Hotel und wir praktizieren das Gleiche noch mal: Wir treffen uns im Café, ich bringe ihn hoch aufs Zimmer, wir warten unten, er hat seinen Samenerguss, wir verabschieden uns eilig, wir inseminieren. Dabei fragen wir uns, was wohl die Hotelangestellten von uns und unseren eigenartigen Gepflogenheiten halten mögen. Beim Empfang hatten sie  noch versucht, uns die Sehenswürdigkeiten der Stadt nahe zu legen. Doch schnell merkten sie unser komplettes Desinteresse.

Nach dem Frühstück fahren meine Freundin und ich aufgewühlt  und uns an den Händen haltend zurück in unsere Stadt. Den Rest des Tages fühle ich mich abgehoben und gleichzeitig sehr in mir. Ich spüre meinen Unterleib bewusster als sonst. Ich spüre ein neues, ein fremdes Gefühl darin. Als wäre das Sperma fühlbar. Als könnte ich spüren, wie es sich in mir bewegt. 

Dieses Treffen im Hotel war das erste einer ganzen Reihe von ähnlichen Treffen. Denn leider wurde und wurde ich nicht schwanger. Jeden Monat das gleiche Verfahren: Temperatur messen, Wann ist der richtige Zeitpunkt?, Hotel buchen und wieder umbuchen, dann in die Nachbarstadt fahren, uns dort mit unserem Spender treffen, inseminieren, im Hotel übernachten, inseminieren, zurück in unsere Stadt fahren und Arbeiten gehen, als wäre es ein ganz normaler Arbeitstag. Und dann 14 Tage warten, hoffen und bangen. Jedes Zwicken, jedes Grummeln in meinem Unterleib bekommt eine Bedeutung. Jede Schlappheit, jede Übelkeit könnte ein Zeichen sein. Ob es dieses Mal wohl geklappt hat? 

Der Moment der Enttäuschung, wenn die Menstruation einsetzt ist jedesmal riesengroß. Wieder war alles vergeblich. Wieder heißt es, den Blick nach vorne richten und auf den nächsten Zyklus hoffen. 

geschrieben von Familie Regenbogenbunt


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