Männliche Sozialisation und Pubertät

Es gibt Situationen, in denen ich als Mutter meinen Sohn nicht begleiten kann, so wie es ein Vater tun könnte. Männer-Duschen und Männer-Toiletten beispielsweise sind Areale, in die weder meine Frau noch ich unseren Sohn begleiten können. Als er kleiner war, nahmen wir ihn mit auf´s Frauen-WC und in die Frauen-Dusche. Kein Thema. Aber irgendwann kommt der Moment, da ist ein Sohn zu groß dafür. Dann heißt es Abschied nehmen vor dem Männerklo und unseren Jungen allein hineinschreiten lassen in diesen uns gänzlich unbekannten Raum. Dann heißt es, Bilder von stinkenden Pissoirs und im Stehen urinierenden Männern nicht allzu viel Raum zu geben, Augen zu, Nase zu und rein mit dem Jungen in das Männerklo. Da kann ich als Mutter nichts tun außer ihn gehen und seine Erfahrungen machen zu lassen.

Wirklich einen Unterschied machen wird die „Zwei Mütter-ein Sohn-ohne Vater-Konstellation“ wahrscheinlich erst in der Pubertät. Mein Sohn ist 10 Jahre alt. Viel Zeit haben wir nicht mehr bis zur beginnenden Pubertät. Ich muss zugeben: Ich habe Respekt und auch ein wenig Angst vor dieser Lebensphase meines Sohnes. Ich selbst bin ohne Bruder aufgewachsen. In meiner eigenen Jugend hatte ich wenige Berührungspunkte zu gleichaltrigen Jungs. Das, was bei Jungen in diesen Jahren passiert, welchen Herausforderungen und Nöten sie ausgesetzt sind und, wie sie damit umgehen, ist mir wenig vertraut.

Die Pubertät ist eine Zeit der körperlichen, psychischen und seelischen Veränderungen. Der Normalitäts-und Individualitätsdruck, unter dem Mädchen und Jungen in dieser Zeit stehen, ist eine große Herausforderung - für die Jugendlichen und für ihre Eltern. Mein Sohn wird nach Bildern über Männlichkeit und über den Umgang mit dem anderen Geschlecht suchen. Die wird er, wie jeder andere Jugendliche, vor allem im Internet, in Filmen, auf YouTube, in Computerspielen und in seiner Peergroup finden. Hier wird für mich als Mutter die Herausforderung darin bestehen so manche Phasen einfach auszuhalten und gleichzeitig auf die Langzeitwirkung unserer Beziehung und Erziehung zu setzen. Gelassenheit und Zutrauen werden in dieser Zeit von mir gefordert sein.

Ich hoffe, dass die Tatsache in einer Regenbogenfamilie aufzuwachsen für meinen Sohn eine zusätzliche Ressource sein wird. Mein Wunsch ist es, ihm ein möglichst breites Spektrum an Männlichkeitsbildern zu vermitteln und ihm darin auch lebbare Alternativen zum stereotypen Männerbild erfahrbar zu machen. Und das beginnt bekanntlich nicht erst in der Pubertät. Das ist ein Prozess, den ich meinem Sohn von klein auf mitgegeben habe und weiter mitgeben werde.

Beim großen Thema „Aufklärung“ setze ich ebenfalls mehr auf die Langzeitwirkung. Ich versuche meinen Sohn altersgemäße Informationen zu vermitteln, die sich mit dem gesamten Spektrum des Lebens und Liebens befassen: Heterosexualität, Homosexualität, Transsexualität, Intersexualtität, Geschlechtsrollen und ihre Bewertung und Veränderbarkeit. Hierzu gibt es leider bisher relativ wenig gutes Print- oder Onlinematerial. Positive Ausnahmen finden sich unter dem Menüpunkt Bücher für Teens

Wäre ein Vater da, würde sich unser Sohn dann mit ihm über Onanie, Samenerguss, Pornos oder erste sexuelle Erfahrungen austauschen? Wohl kaum. Das sind Erfahrungsfelder, die Jugendliche sich selbst erschließen, über das Internet und vor allem im Austausch mit gleichaltrigen Jungs. Darüber hinaus hat unser Sohn zwei wunderbare Onkel und einen 10 Jahre älteren Cousin. Zur Not müssen die dann vielleicht mal zu einem „Mann zu Mann“-Gespräch antreten ;-).

Jugendlicher in einer Regenbogenfamilie zu sein kann auch zu einer zusätzlichen Herausforderung für meinen Sohn werden. Er wird gefordert sein, sich als Kind lesbischer Mütter zu outen. Dies wird nicht in jedem sozialen Zusammenhang eine leichte Übung für ihn sein. Vielleicht wird er sich das eine oder andere Mal dafür entscheiden, sich nicht zu outen. Das ist sein gutes Recht. Ich werde das akzeptieren müssen. Wenn er es annehmen kann, möchte ich ihn so stärken, dass er einen selbstbewussten und respektvollen Umgang mit seiner eigenen Identität und der Identität seiner Eltern entwickeln kann. Kompromisse und Meinungsverschiedenheiten inbegriffen. 

Bis zur Pubertät meines Sohnes haben wir, Göttin sei Dank, noch ein bis zwei Jährchen Zeit. Aber die werden bekanntlich schneller vergehen als man denkt.

geschrieben von Familie Regenbogenbunt



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Kommentare: 1
  • #1

    Sabine (Samstag, 07 Januar 2017 22:18)

    Danke für diesen sehr lesenwerten Artikel. Ich habe vieles wiedererkannt. Unser Sohn ist 8 Jahre. Das ist spannend, aber auch herausfordernd. Ich finde eure Seite und den Blog super. Lese die meisten Texte gerne! Mehr davon!

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