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Warten und Hoffen 

Ich warte ja nicht gerne. Man kann gefühlt irgendwie nichts tun. Leider hat mein Kinderwunsch viel mit Warten zu tun. Ich warte auf Beratungstermine, auf Entscheidungen meiner Partnerin, auf Antworten potentieller Samenspender, auf meinen Zyklus. Darauf, dass alles plötzlich einfach wird. 

Doch auch nicht nur. Ich meine, hätte ich einfach gewartet, ob sich mein Kinderwunsch irgendwann erfüllt, würde ich immer noch warten. Und dann in meinen Vierzigern feststellen, dass ich den richtigen Zeitpunkt leider verpasst habe. Warten ist auch irgendwie passiv. Als hoffe man, dass sich die Dinge von alleine erledigen, wenn man sich nur lange genug tot stellt. 

Also nennen wir es doch lieber Hoffnung. Ich mag die Definition von Hoffnung, die Jane Goodall in „Das Buch der Hoffnung“ (Goldmann Verlag, München 2021) formuliert. Sie sagt: „Hoffnung verleiht uns die Fähigkeit, trotz aller Widrigkeiten weiterzumachen. Sie ist der Wunsch, dass etwas geschehen mag, aber wir müssen hart kämpfen, damit dieser Wunsch in Erfüllung geht.“ Damit wird Hoffnung zu etwas Aktivem, etwas das Engagement erfordert. Das ist anstrengend, viel anstrengender als die Hände in den Schoß zu legen und sich zu ärgern, das nichts passiert.

Manchmal braucht es auch die Realität um eine Hoffnung zu enttarnen.

Im Umkehrschluss ist es aber auch befreiend, denn ich werde dadurch zur Gestalterin meines eigenen Lebens. 

Und so hatte ich Hoffnung bei jedem Date, was ich über Familyship ausgemacht habe. Ich hatte Hoffnung als meine Frau und ich das erste Mal sagten: Der ist es – mit ihm können wir es uns vorstellen  -, so lange bis er sich nicht mehr gemeldet hat. Dann war da der charmante Spender mit klaren Vorstellungen, dem wir vertrauensvoll die Spritkosten zum ersten Date erstatteten. Er meldete sich zuverlässig, doch als wir einen anonymen Vertrag mit Amazon-Gutschein zahlen sollten, schwand auch diese Hoffnung. Bis zu diesem wunderschönen Cocktailabend, an dem wir ein supernettes schwules Paar kennenlernten und dachten: Es gibt sie doch. Die tollen Väter. Um dann feststellen zu müssen, dass wir uns die ganze Zeit was vorgemacht hatten. Wir hatten uns in unseren Köpfen den Traum von Co-Parenting ausgemalt –  aber eigentlich passt dieses Modell gar nicht zu uns. Manchmal braucht es auch die Realität um eine Hoffnung zu enttarnen.  

Wir waren am Ende. Und gleichzeitig am Anfang. Meine Freundin entwickelte eine ungeahnte Hartnäckigkeit beim Durchforsten von Samenbanken und mutierte innerhalb einer Woche zur Expertin. So kam eines zum anderen und wir starteten im November unseren ersten Inseminations-Versuch. Als wir zum Kennenlerntermin durch das 70er-Jahre-Treppenhaus in der Kölner Altstadt schlichen, flüsterte meine Freundin: „Ich komme mir vor als hätten wir was Illegales vor. Organhandel oder so.“ 

Hoffnung braucht Futter

Nun ja, die Vorteile der unbürokratischen Behandlung siegten und drei Wochen später hatten wir unsere erste IUI. Das Warten hatte ein Ende! Das Gefühl, was ich in diesem Moment hatte, war unbeschreiblich. Tagelang schwebte ich wie auf Wolken. Ich war total sicher, dass jetzt nichts mehr schief gehen konnte. Bis meine Menstruation uns 14 Tage später eines Besseren belehrte. Beim dritten Versuch hatte ich schon keine Lust mehr auf Himbeerblättertee und gesunde Ernährung. Auch dieses Mal klappte es nicht.. Hoffnung braucht Futter.

Das bekam sie mit unserem Wechsel in die Kinderwunschklinik. Ein Monat ging für die Blutchecks drauf, im nächsten Zyklus hatte ich Corona. Anfang April dann der erste Schnee des Jahres und unser vierter Versuch.

Die Hoffnung bleibt

Ich sitze im Kinderzirkus der hiesigen Grundschule und heule Rotz und Wasser. Hormone machen emotional und die pathetische Musik des großen Finales tut ihr übriges. Ich möchte auch so einen kleinen Clown, einen Trapezkünstler oder eine Feuerspuckerin haben und als stolze Mami ein Künstlerfoto für die Omas kaufen. Beim Rausgehen kollidiere ich fast mit einem Geschwisterkind. Es bremst im letzten Moment vor meinen Füßen. Steht dann vor mir und starrt mich an. Ich starre zurück. Wenn Blicke ins Herz gehen. Unsere Wege trennen sich. Mein Wunsch bleibt. Und meine Hoffnung. 

Und wieder heißt es 14 Tage warten. 

geschrieben von Julie


Dieser Blogpost ist eine Fortsetzung von Wie egoistisch ist das denn bitte? und Jetzt erst recht sowie Kompromisse

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Kommentare: 1
  • #1

    Annika (Sonntag, 15 Mai 2022 08:35)

    ❤ Hoffnung...