Privatsphäre im digitalen Zeitalter

Kranhaeuser; (c)regenbogenfamilien-koeln.de

Vielleicht bin ich hoffnungslos altmodisch, aber für mich sind mein Leben und meine Daten ein Schatz, den ich nicht mit der Gesamtheit des Internets teilen möchte. Dies gilt insbesondere für die Daten und die Privatsphäre meiner Kinder. Mit dieser Meinung scheine ich zu einer aussterbenden Spezi zu gehören. Statt: "Das Private ist politisch", heißt es nun: "Das Private ist öffentlich."

Die sozialen Medien haben dazu geführt, dass das Öffentliche und das Private näher zusammengerückt sind. Das ist gut. Denn damit hat jede und jeder die Möglichkeit, das Internet zu nutzen, sich darin zu Wort zu melden, seine/ihre Meinung zu äußern, viele Menschen zu erreichen und mit ihnen zu kommunizieren. Gleichzeitig haben sich die Grenzen verschoben. Was ist (noch) privat? Was ist (schon) öffentlich?

Als Regenbogenfamilie bewege ich mich hier auf einem schmalen Grad. Einerseits halte ich es für wichtig, als Regenbogenfamilie öffentlich sichtbar zu werden. Das Private IST politisch und damit auch ein gutes Stück öffentlich. Ich habe nichts gegen Selbstdarstellung im Netz. Es ist wichtig sich zu zeigen, sich zu positionieren, gerade wenn es um das Aufbrechen von Normen geht. Regenbogenfamilien müssen als selbstverständlicher Teil in der Familienlandschaft sichtbar werden. Es gibt uns. Wir werden immer mehr. Deshalb ist es gut und wichtig, wenn wir medial präsent sind, egal ob im Fernsehen im Radio oder eben im Internet.

Auf der anderen Seite halte ich es für fundamental und wichtig, mein Leben und das Leben meiner Kinder vor der Öffentlichkeit des World Wide Web zu schützen. Ich habe ein Bewusstsein darüber, dass jedes Kind ein Persönlichkeitsrecht hat, Kinder haben ein Recht am eigenen Bild, sie haben ein Recht darauf selbst zu entscheiden, was von ihnen im Internet veröffentlicht wird und was nicht.

Mit dieser Einstellung fühle ich mich zusehends allein. Ich sehe in meiner Facebook-Timeline Fotos von Kindern, schlafenden Kindern, krabbelnden Kindern, essenden Kindern, spielenden, lachenden und weinenden Kindern, Kinder in Windeln oder Unterhosen, ich sehe fremde Wohnzimmer, Badewanne und Betten. Ich sehe Schwangerschaftstests und Ultraschallaufnahmen von Föten im Mutterleib. Ob ich will oder nicht, ich werde mit diesen Bildern konfrontiert. In Facebook-Gruppen. Auf Instagram-Profilen. Ist all diesen Eltern nicht klar, dass diese Gruppen nur vermeintlich geschlossen und all diese Posts nur vermeintlich privat sind? Ist ihnen tatsächlich nicht klar, dass all diese Bilder jederzeit ihren Weg nach draußen ins weltweite Internet finden können und, dass diese Bilder dort für die nächsten Jahrzehnte gespeichert, verändert und geteilt werden können? Ist ihnen nicht klar, dass sie hier im Internet ein Erbe für ihre Kinder hinterlassen? Ein Erbe, welches ihre Kinder vielleicht nicht wollen?

Wenn ich mich dafür entscheide, Bilder oder Videos von meinem Kind im Internet zu veröffentlichen, halte ich es für wichtig folgende Punkte zu beachten:

  • Wahrung der Anonymität der Kinder: Ich veröffentliche nur Fotos, auf denen meine Kinder nicht zu erkennen sind. Eine Möglichkeit ist es z.B. Kinder nur von hinten  zu fotografieren. Ich achte darauf, dass keine Namen und keine personenbezogenen Daten meines Kindes veröffentlicht werden.
  • Wahrung der Intimsphäre der Kinder: Ich veröffentliche keine Fotos, auf denen mein Kind - egal ob Baby, Kleinkind oder größeres Kind - nackt oder halb nackt abgebildet wird. Ich veröffentliche keine Bilder, auf denen mein Kind in einer emotionalen oder für das Kind stressigen Situation dargestellt wird.
  • Das Internet vergisst nicht: Bei jedem Foto, welches ich ins Netz stelle, überlege ich vorher, will ich wirklich, dass dieses Bild in 10, 20 oder 30 Jahren im Netz zu finden ist? Kann ich das gegenüber meinem Kind vertreten?
  • Im Internet gibt es keinen privaten Raum:  Vermeintlich geschlossene Gruppen in sozialen Netzwerken sind nur scheinbar private Räume. Alles was darin gepostet wird, kann jederzeit an anderer Stelle im Netz wieder auftauchen.

Selfies sind eine weitverbreitete Form der Selbstinszenierung geworden. Das Sich-Selbst-ins-Bild-Setzen scheint eine Art therapeutische Wirkung zu haben.  Ein Post auf einem der Social Media Kanälen macht das Erlebte öffentlich. Ich teile mein Leben mit meinen Followern. Wie viele Likes erhalte ich für ein Bild? Für einen Post? Wie viele Kommentare? Das ist völlig in Ordnung. Das kann jeder und jede für sich entscheiden. Dich zu häufig werden Kinder in diese Selbstinszenierung einbezogen. Schau hier: Ich und mein Kind! Sind wir nicht eine tolle Familie!

Neben der Selbstdarstellung im Netz gibt es den größer werdenden Bereich der Vermarktung und der (Schleich-)Werbung. Menschen verdienen Geld mit product placement und Affiliate-Links zu Verkauf-Shops oder mit privaten Posts, für die bezahlt wird, wenn dieses oder jenes Produkt benannt und verlinkt wird. Das machen nicht nur die sogenannten Influencer auf Instagram. Das Web, die Blogs, auch die Familien- und Mama-Blogs, sind voll davon.

Ich beobachte diese Entwicklung mit einer Mischung aus Erstaunen und Empörung. Erstaunt bin ich, dass diese Art des Geschäftsmodells, diese neue Art der Inszenierung tatsächlich funktioniert. Viele Menschen - auch Frauen und auch Mütter - scheinen darin Sinn und Erfüllung zu finden. Viele scheinen damit (gutes?) Geld verdienen zu können. Empört bin ich, weil dabei deutlich wird, dass das Internet sich zu einem riesigen  Umsatzmarkt für Geschäftemacher*innen entwickelt hat. Werbung kennzeichnen? Total old school. Kommerz wird groß geschrieben. Kaufen und Verkaufen. Privates aus dem Familien-Alltag verkauft sich gut. Auch Privates aus dem Regenbogenfamilien-Alltag.

Regenbogenfamilien sind nicht die besseren Familien, schon klar. Aber ich frage mich, müssen wir Regenbogenfamilien dabei mitmachen, unser Leben und das Leben unserer Kinder öffentlich und zu Geld zu machen? Welches Bild wollen wir dabei zeichnen von uns und unserer Regenbogenfamilie? Das Bild "Wir sind ganz normal" und alles ist bei uns wie in jeder anderen Hetero-Familie? Oder wollen wir das Netz und seine Möglichkeiten nutzen, um unsere Anliegen, unser "Anders-Sein" publik zu machen? Sind wir noch "anders", jetzt wo wir die Eheöffnung erreicht haben? Haben wir noch Werte, haben wir Anliegen an die heteronormative Gesellschaft? Ist das Private noch politisch - oder nur noch kommerziell?

Ich möchte mit diesem Artikel niemanden persönlich angreifen. Es steht jedem und jeder frei, sich im Internet so darzustellen, wie sie/er es für richtig hält. Ich möchte mit meinem Text nur eine Diskussion anstoßen darüber nachzudenken, wie und wofür wir das Internet nutzen wollen.

geschrieben von Familie Regenbogenbunt


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