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Wir müssen reden

Regenbogenfamilien sind bunt, das schreiben wir uns gerne auf die Fahne.  Weil es richtig ist. Doch was steckt hinter diesem "bunt"? Wie viel Gemeinsamkeiten, wie viele Unterschiede verbergen sich hinter unserem "We are family"? Vor allem mit Blick auf schwule und lesbische Lebenswelten.

Regenbogenfamilien bestehen zu einem großen Teil aus Zwei-Mütter-Familien. Daneben gibt es Alleinerziehenden und die queer familys, die sich bewusst dafür entscheiden, mehr als zwei Elternteile in aktive Familienverantwortung zu nehmen. Zwei Lesben und ein Mann, schwul, hetero oder bi. Zwei Schwule und eine lesbische Frau, zwei Schwule und eine Heterofrau, eine Lesbe und ein Schwuler, zwei Lesben und zwei Schwule, zwei Schwule und eine so genannte "Leihmutter" - die Kombinationen und Wahlmöglichkeiten sind divers. 

Bei vielen dieser Möglichkeiten stoßen zwei Welten aufeinander: die schwule und die lesbische Lebenswelt. In diesen Lebenswelten stecken schwule und lesbische Identitäten, Biografien und Paarmodelle. Diese haben meiner Erfahrung nach wenig gemein. Der schwule Mikrokosmos ist ein gänzlich anderer als der lesbische. Gründen schwule und lesbische Menschen gemeinsam eine Familie, treten diese Unterschiede früher oder später zutage.

Was verbindet uns? Was trennt uns?

Lesben und Schwule verbindet der Wunsch und die größer werdende Selbstverständlichkeit, in einer heteronormativen Gesellschaft das Recht auf Erfüllung ihres Kinderwunsches in Anspruch zu nehmen. Vor 15 Jahren war dies noch nicht selbstverständlich. In den letzten Jahren ist viel passiert in der Gesellschaft und in den Lebens- und Familienplanungen von Lesben und Schwulen. Nicht erst seit der  Eheöffnung im Jahr 2017, schon mit der Einführung der Lebenspartnerschaft und damit der Möglichkeit der Stiefkindadoption im Jahr 2005, haben sich Perspektiven für die lesbische und  schwule Familiengründungen erweitert. 

Das Thema Leihmutterschaft

Schwule Väter haben andere Themen, andere Herausforderungen als lesbische Mütter. Das fängt bei der Umsetzung des Kinderwunsches an. Zwei schwule Männer haben es schwerer als zwei lesbische Frauen, ihren Kinderwunsch zu realisieren. Wenn sie ohne aktive (lesbische oder heterosexuelle) Mutter eine Familie gründen wollen, bleibt zwei Männern nur der Weg über eine Adoption oder eine Pflegestelle. Für eine Adoption müssen sie ins Ausland, weil zu adoptierende Kinder hierzulande nur im Ausnahmefall an ein schwules Paar vergeben werden. Als Pflegeeltern hingegen sind Männerpaare inzwischen in vielen Städten gern gesehen.  

Eine dritte Möglichkeit ist die Entscheidung für eine Schwangerschaft per Leihmutterschaft. Diese ist sehr teuer und mit großem Aufwand verbunden,  für die meisten Schwulen deshalb schon allein aus finanziellen Gründen nicht  realisierbar.  Beim Thema Leihmutterschaft scheiden sich die Geister. Viele Frauen, und damit auch viele Lesben, empfinden eine Leihmutterschaft als unethisch, da sie darauf beruht, eine Frau und ihren Körper zu "mieten", und damit auszubeuten. Schwule Männer haben mit dem Modell Leihmutterschaft häufig kein ethisches Problem. Für viele Schwule ist Leihmutterschaft ein legitimer Weg zu einem Kind zu kommen. Ihrem Empfinden nach handeln die Frauen freiwillig, da sie eine Gegenleistung erhalten und nicht aus Not heraus zustimmen.

Finanzielle Ressourcen

Ein weiterer Unterschied lässt sich im Einkommen von Schwulen und Lesben feststellen. Männer verdienen mehr Geld als Frauen, Männer haben mehr Geld zur Verfügung. Das ist bei schwulen Männern nicht anders als bei heterosexuellen. Die Auswirkungen, die die zur Verfügung stehenden finanziellen Ressourcen auf das Familienleben haben, sind vielfach erforscht. Das heißt nicht, dass es Kindern in Familien mit weniger Geld an Glück, Geborgenheit oder Unterstützung mangelt. Es macht jedoch einen Unterschied, ob beide Elternteile arbeiten müssen, weil das Geld nur so reicht oder, ob nur ein Part erwerbstätig sein muss und das andere Elternteil "freiwillig" hinzuverdient. Es macht einen Unterschied in der Anzahl der bezahlten Dienstleistungen, die eine Familie in Anspruch nehmen kann, von der Putzfrau, bis hin zum Kindermädchen. Auch die Wahl der Kita oder der Schule, ob städtisch und kostenfrei oder privat und mit Kosten verbunden, wird von den Finanzen beeinflusst. Nicht zu letzt auch die Auswahl der Urlaubsziele, die Urlaubshäufigkeit und der zur Verfügung stehende Wohnraum beruhen auf den finanziellen Ressourcen, die eine Familie hat oder nicht hat. 

Thematisiert werden diese Unterschiede meiner Beobachtung nach bisher nicht. Interessant wird es dort, wo Schwule und Lesben gemeinsam Eltern sind. Denn hier müssten diese Unterschiede eigentlich zum Thema werden. Wer übernimmt welche Kosten? Woran orientiert sich diese Aufteilung? Wie offen werden finanziellen Ressourcen thematisiert? Welchen Part spielen sie, wenn es zu Konflikten kommt?

Fürsorgearbeit und Rollenverständnis

Uns Lesben und Schwulen wird das Aufbrechen von Geschlechterstereotpyen nachgesagt. Gerne schreiben wir uns dies auch selbst auf die Fahne. Wie aber sieht es in den Realitäten unseres Familienlebens aus? Wie stark brechen wir tatsächlich zugeschriebene Geschlechterrollen auf? Ich kenne viele Familien, in denen klare Rollenverteilungen gelebt werden - und nicht immer sind diese ausgehandelt und flexibel veränderbar, frei nach dem Motto " Ich koche gern, du schraubst gern am Motorrad rum, lass es uns nächsten Monat mal andersrum machen".

Mütterlichkeit im Sinne von "Care"-Arbeit, also Fürsorgearbeit, ist in patriarchalen Gesellschaften weiblich besetzt. Wie gut gelingt es in Regenbogenfamilien diese Besetzung aufzubrechen? Wie viel Fürsorgearbeit wird den schwulen Vätern/dem schwulen Vater innerhalb einer Familie zugesprochen? Ich habe keine Antworten. Nur Fragen, die meiner Meinung nach gestellt werden müssen.  

Mediale Sichtbarkeit und politisches Engagement

Eine Talk-Show im Fernsehen, gesprochen wird über die  sogenannte "Ehe für alle",  zu Gast ist ein schwuler Vater. Eine Radiosendung über moderne Familienformen, interviewt werden zwei schwule Väter. Schaut man auf die Präsenz von Lesben und von Schwulen in den Medien, könnte man den Eindruck gewinnen, Regenbogenfamilien bestehen zu gleichen Teilen aus Schwulen und Lesben. Schwule machen nachweislich rund 10 Prozent der Regenbogenfamilien aus.  Wo also sind die Lesben mit Kindern in den Medien? Sie werden mehr und sichtbarer, ja, aber dennoch: Ein Ungleichgewicht bleibt. Hier müssen wir Lesben uns sicher zu aller erst an die eigene Nase fassen. Uns zu vermarkten, sichtbar werden, uns dem medialen Interesse an unserer Familienform zu stellen, das liegt den meisten von uns fern. Durchaus verständlich. Denn wer stellt sich, und wo möglich auch noch seine Kinder, gern vor die Kamera? Ich nicht. Und die lesbischen Mütter, die ich kenne, auch nicht. 

Ganz anders sieht es "hinter den Kulissen" aus. Ein Blick in die Krabbel- und Spiel-Gruppen in den Regenbogenfamilien-Zentren deutscher Großstädte offenbart Räume voller Mütter mit ihren Kindern. Wer organisiert das Regenbogenfamilien-Picknick, die CSD-Parade-Teilnahme, das Regenbogenfamilien-Event auf dem Family Equality Day? Es sind die Lesben. Nicht die Schwulen. 

Konflikte und Unterschiede zum Thema machen

Mir geht es nicht um ein "wir" gegen "ihr", um ein "lesbische Mütter gegen schwule Väter". Unsere gemeinsamen Interessen und Forderungen sind wichtig. Dennoch ist es meiner Meinung nach an der Zeit auch über Unterschiede zu sprechen. Unterschiede sind nur so lange problematisch, wie so getan wird, als gäbe es diese Unterschiede nicht. Aber es gibt sie und sie müssen angesprochen werden. 

Es gibt Regenbogenfamilien, in denen heftige Konflikte zwischen dem schwulen Vater/den schwulen Vätern und den lesbischen Müttern existieren. Es gibt Vätergruppen, in denen sich Väter treffen und austauschen über ihre Probleme mit "ihren" Müttern.  Immer mehr Regenbogenfamilien finden sich in medialer Beratung  oder vor Gericht wieder, weil sie ihre Konflikte nicht allein lösen können. 

Das sollte nicht totgeschwiegen werden. Schweigen hilft in keiner Familie. So lange wir schweigen, hängen wir den bunte Regenbogenumhang um unsere Familien und unsere Konflikte. Lasst uns reden. Miteinander. Offen und ehrlich.

geschrieben von Birgit Brockerhoff


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Kommentare: 2
  • #1

    shildebrandt@stadtdo.de (Sonntag, 04 November 2018 23:04)

    Interessant

  • #2

    Claribu (Montag, 05 November 2018 14:08)

    Toller Beitrag und wichtiger Denkanstoß. Ich lese zwischen den Zeilen, dass du Themen siehst (Probleme, um es mal nicht-neutral zu formulieren), die auch deshalb nicht angesprochen oder gelöst werden, weil wir sie als solche nicht erkennen. Viele Probleme sind die Folgen unseres Unterschiedlich-Seins, aber so lange wir so tun als ob wir alle gleich sind (wir = die fröhlich bunte Regenbogenfamilien-Community), können wir sie gar nicht sehen. Was man nicht sieht, das kann man dann auch nicht thematisieren und im besten Falle verbessern. Dem stimme ich zu. Zu hoffen ist, dass mit zunehmender Zahl an Regenbogenfamilien (in all ihren Varianten) auch die angesprochenen Probleme mehr Menschen betreffen, was ja nicht nur schlecht sein muss. Dann gibt es potentiell auch mehr KandidatInnen, die sich engagieren können.